Gestatten, Bestatter!
Von Christina Stingl
Wenn Heinz Widmann erzählt, was er beruflich macht, erzielt er immer die gleichen zwei Reaktionen: erst Gruseln, dann Neugier. Der 41-Jährige ist Bestatter und führt seit 2003 in Stuttgart-Feuerbach das gleichnamige Familienunternehmen bereits in vierter Generation.
Vom individuell bemalten Sarg über den Erinnerungsdiamanten aus Kremationsasche bis hin zur Weltraumbestattung: den Möglichkeiten für die Reise ins Jenseits sind heutzutage keine Grenzen gesetzt. Heinz Widmann versteht sich als moderner Bestatter – und damit als Eventmanager. „Wenn Angehörige mit einem Todesfall zu uns kommen, dann müssen sie im Prinzip nur das persönliche Gespräch mit dem Pfarrer führen und auf die Beerdigung gehen. Um alles andere kümmern wir uns“, erklärt Widmann.
Den Trauernden ihre Last abnehmen
Es sind weniger die Weltraumbestattungen, die gefragt sind, als vielmehr die komplette Bestattungsorganisation. Heinz Widmann und sein zehnköpfiges Team holen den Verstorbenen ab, vermitteln Grabstätten, Gärtner und Redner, drucken Trauerkarten, organisieren die musikalische Umrahmung für die Feier, erledigen Formalitäten und nehmen Behördengänge ab. Eine Arbeit, die einen hohen Stressfaktor in sich birgt. „Bei den Angehörigen strahle ich Ruhe und Stille aus, doch die Organisation ist Stress pur. Alles muss just in time fertig sein“, erklärt der gebürtige Schwabe und ergänzt nachdenklich: „In jedem anderen Beruf kann man nachbessern. Als Bestatter hat man einen Bestattungstermin, eine Chance – entweder es passt oder es passt nicht. Wenn irgendetwas schief laufen würde, könnte ich das nie mehr gut machen.“ Den Trauernden in ihrer schwierigen Zeit zu helfen, das ist es, was Heinz Widmann Freude macht und ihn immer wieder bestärkt: „Ich kann diesen Menschen ihre Trauer nicht abnehmen, aber zumindest teilweise ihre Verantwortung und ihre Last.“
Aktiv Abschied nehmen

- Heinz Widmann ist Bestatter aus Leidenschaft.
Von den organisatorischen Abläufen bekommen die Angehörigen nichts mit. Sie sollen Zeit haben, sich bewusst und in aller Ruhe von ihrem Verstorbenen zu verabschieden. Aktives Abschiednehmen – ein Punkt, der Heinz Widmann besonders wichtig ist. So gibt es in der Feuerbacher Niederlassung seit einiger Zeit Abschiedsräume, zu denen die Hinterbliebenen mit einem eigenen Schlüssel Zutritt haben. Ob nachts oder am Wochenende – die Hinterbliebenen können jederzeit vorbeikommen: „Ich habe auch schon erlebt, dass manche die ganze Nacht dort saßen.“ Ohnehin empfiehlt Heinz Widmann den Angehörigen, ihren Verstorbenen bis zur Bestattung möglichst jeden Tag zu besuchen. Veränderungen, die zwangsläufig auftreten, nimmt man so nicht bewusst wahr. Die offene Aufbahrung ist deshalb auch ein weiterer Punkt, den Widmann und sein Team forcieren: „Für das Begreifen, dass jemand tot ist, ist es sehr wichtig, die Person tot gesehen zu haben.“
Ein Trend der Zeit sind die immer kleiner werdenden Trauergemeinden. Die meisten Feierhallen auf den Stuttgarter Friedhöfen sind jedoch für sehr große Trauergesellschaften ausgelegt. Damit auch bei kleinen Beerdigungen Atmosphäre aufkommen kann, hat Heinz Widmann seit einigen Jahren im Feuerbacher Stammhaus seine eigene Feierhalle, die individuell bestuhlt werden kann. „Kürzlich hatten wir hier eine Trauerfeier mit nur zwei Angehörigen. Da war die Zeremonie eher ein vertrautes Zwiegespräch“, erinnert sich Widmann.
Tabuthema Tod
So vielfältig die Möglichkeiten einer Bestattung mittlerweile auch sind, so gehemmt ist man immer noch beim Umgang mit dem Tabuthema Tod. Sich zu informieren, wie die eigene Bestattung aussehen könnte, das traut sich fast niemand: „Wenn man sich heute etwas kaufen möchte, würde man niemals einfach ins Geschäft gehen und wahllos eine Kaufentscheidung treffen. Davor würde man sich im Internet, in der Fachpresse oder im Fachhandel informieren.“ Die Wahl des Bestatters dagegen werde von vielen Menschen recht willkürlich getroffen und zwar erst dann, wenn man plötzlich mit einem Todesfall konfrontiert wird, bedauert der Feuerbacher Bestatter. Dabei ist eine umfassende Beratung für ihn das A und O, um ein „feeling“ dafür zu entwickeln, ob der Bestatter die Trauerfeier so gestalten kann, wie man sie sich vorstellt.
„Darüber sprechen“

- Bei Widmann trifft Tradition auf Moderne.
Nicht ohne Grund hat Widmann deshalb für sein Bestattungshaus den Leitspruch „Darüber sprechen“ gewählt. Um Berührungsängste und Vorurteile abzubauen, legt Widmann nicht nur Wert auf eine umfangreiche und stets aktuelle Firmenhomepage, sondern lädt auch regelmäßig Konfirmandengruppen zu sich ein, veranstaltet Tage der offenen Tür und ist präsent auf Straßen- und Stadteilfesten und anderen kulturellen Events. Bei solchen Gelegenheiten merkt Heinz Widmann von der Scheu seiner Mitmenschen wenig. Stattdessen beantwortet er dann pausenlos eine Frage nach der anderen. Zum Beispiel die, ob es als Bestatter schwerfällt vom Beruf abzuschalten: „Am Anfang habe ich alles mit nach Hause genommen. Aber mit der Zeit bin ich routinierter bei bestimmten Vorgängen geworden.“ Trotzdem gibt es nach wie vor Todesfälle, die ihn nicht kalt lassen: „Wenn ein Kind stirbt oder ein Familienvater, dann geht mir das nahe und dann kann ich das nicht bei Ladenschluss vergessen.“
Bewusster leben
Angst vor seinem eigenen Tod hat Heinz Widmann trotz seines Berufes nicht. Stattdessen versucht der zweifache Familienvater viel Zeit mit seiner Familie zu verbringen und so bewusst wie möglich zu leben: „Wenn ich auf etwas Lust und die Möglichkeit dazu habe, dann mache ich das jetzt und nicht morgen oder im nächsten Monat. Das kann etwas Kleines sein, wie nach Feierabend noch eine Runde mit dem Motorrad zu drehen oder auch etwas Größeres wie eine Reise nach New York.“



